Das überlaufende Glas, der Sohn und ich

Christian hat gestern ein Thema aufgegriffen, das Maximilian schon mit eine Link zu einem Artikel in der Kölnischen Rundschau angerissen hatte.

Eigentlich wollte ich heute was anderes schreiben (über Tag (-6) und den Urlaub), aber das kratzt jetzt doch an einer bei mir ganz wunden Stelle. Damit ist das  kein ausgewogener Artikel, sondern nur meine Meinung zu dem Thema und meine eigene Handlungsweise. 

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Ja, ich habe auch mal Lehramt studiert, Physik und Chemietechnik, und nein, ich bin nicht Lehrer geworden. Christian schrieb so schön:

Aber beides – sowohl die Verlagerung von Lernzeit an die Eltern als auch die Verlagerung von Erziehungsaufgaben an die Schule – ist erstmal einfach nur eine Veränderung. 
(Und eigentlich auch eine logische: Es gibt halt morgens nur eine bestimmte Zahl von Stunden in der Schule und wenn da die Aufgaben mehr werden, dann fliegt halt vom bisherigen Inhalt raus. Man kann ja auch volle Wassergläser nicht weiter füllen, ohne dass was raus fließt.)

Das, was dabei heraus kommt, also bei der Verlagerung von Lernzeit an die Eltern, kann man Selektion nennen. Denn die einen Schüler kommen mit den wenigen Stunden klar, andere bekommen Hilfe zuhause und der Rest kippt eben über die Kante. Für die Meinung habe ich schon im Studium ein ganzes Seminar gegen mich aufgebracht. Und die Problematik ist es, deretwegen ich dann nicht Lehrer geworden bin.

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Der Sohn hat ja beim Thema Fein- und Graphomotorik einen Sonderpädagogischen Förderbedarf, nach überlebter Hirnhautentzündung im Alter von ein paar Monaten. Ich will jetzt nicht auch noch das Thema Inklusion hier mit reinholen, aber das ist schon wichtig zu wissen. Auch wichtig ist, was seine Motopädin gesagt hat: Sein bester Verbündeter ist die Zeit.

Aber ganz komme ich an dem Thema Inklusion doch nicht vorbei, weil bei Ihm das Glas nicht kleiner ist und das Wasser auch nicht. Aber er braucht eben zum Schreiben viel mehr Zeit, gerade von Hand, und es ist eine zusätzliche Aufgabe für Ihn. Die Diskussion zum Schreiben mit dem Laptop habe ich schon n-Mal geführt, zuletzt mit dem Ergebnis, dass jetzt aber erwartet wird, dass er mit dem Laptop so schnell schreibt, wie ein nicht motorisch eingeschränkter Mensch im 10 Finger System. Auch nicht viel besser, aber wenigstens kann man jetzt einfacher lesen, was er schreibt.

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Aber zurück:  Das Wasser, das nicht am Vormittag in das Glas gepasst hatte, wurde ihm bis zum Anfang der vierten Klasse am Nachmittag eingetrichtert, stundenlang und fast bis zur Überforderung. Das war der Punkt, an dem ich mich aus meiner Rolle herausbewegt habe, die Anke Willers in dem Artikel auch kritisiert:

Die Folge: Um den Kindern zu helfen, reduzieren viele Mütter ihre Jobs, arbeiten über lange Jahre Teilzeit. Letztendlich trägt die Schulkultur so dazu bei, dass wir unsere eigenen beruflichen Ziele nicht so richtig verfolgen können – und sie zementiert traditionelle Rollenbilder.

Ich habe meinen Job reduziert, mit der Klassenlehrerin geredet und dem Sohn Nachmittags den Druck genommen und ihm mehr Zeit gegeben. Wir zwei haben das damals “Die neue Entspanntheit” genannt. Ich habe ihn von der Schule abgeholt, wir haben viel geredet, auch ein bisschen was gemacht, aber in Maßen, die für ihn vertretbar waren. Ich habe das Pensum einfach reduziert.

Zugegeben, ich habe auf seine Fähigkeiten spekuliert und eben auf die Zeit. Das tolle bei Ihm ist, das er damit eine ganz andere Kultur des Lernens entwickelt hat. Nicht durch das für ihn sehr hemmende und damit sinnlose Abschreiben von etwas lernt er, oder durch das x-fache Wiederholen von Aufgaben ähnlicher Richtung, sondern ganz anders. Er saugt den Stoff im Unterricht einfach auf, speichert ihn ab. Fragt mich jetzt aber nicht, wie er das macht, ich kann es nicht erklären.

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Jetzt, fast 5 Jahre später und ohne Sitzenbleiben oder einen frühzeitigen Burnout, zeigen sich die Früchte, dass ich Ihm auf diesem Weg den Rücken gestärkt und auch freigehalten habe. Der Zeugnisdurchschnitt von knapp 2,2 ist einer der besten in der Klasse und ich bin unendlich Stolz auf Ihn. Und ein bisschen Stolz auch auf mich.

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Um an den Anfang zurück zu kommen: Wäre es nicht toll, wenn Schule wieder Individualität zulassen würde, natürlich mit der entsprechenden “Ausstattung” an Lehrerinnen und Lehrern, und zwar nicht nach dem Motto “Jeder kann mit seiner Geschwindigkeit das Thema bearbeiten, hauptsache am Ende des Schuljahrs/Halbjahrs/der Woche/des Tages muss es fertig sein”?

Und wäre es nicht auch toll, wenn man die “eigenen beruflichen Ziele” in dieser Gesellschaft nicht über die Erziehung unserer Kinder stellen würde und zum Teil auch müsste? Ich persönlich fühle mich für die Entwicklung meines Sohnes verantwortlich und sehe das auch als wichtiger an, als das Erreichen beruflicher Ziele. Sonst hätte ich auch kein Kind haben wollen.

2 Antworten auf „Das überlaufende Glas, der Sohn und ich“

  1. Full ack, wie man früher mal so schön sagte.
    Danke für diese Ergänzung, die nochmal aus dem nächsten Blickwinkel zeigt, dass es eben nicht funktioniert, immer mehr Aufgaben in (immer weniger) Schulzeit zu pressen.

    : Das, was dabei heraus kommt, also bei der Verlagerung
    : von Lernzeit an die Eltern, kann man Selektion nennen.

    … und die mag ja durchaus im Interesse mancher liegen.

    ich verstehe es ja auch einfach nicht. Wir werden immer älter aber die Schul- und Ausbildungszeit überhaupt muss dringend immer weiter verkürzt werden.

    1. Danke für die Zustimmung Christian.

      Der Sohn, mit dem ich natürlich über den Beitrag gesprochen habe, bevor er veröffentlicht wurde, hatte so ziemlich die selben Gedanken.

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